Politische Diskussionen: Raus aus dem Schwarz-Weiß-Denken



Wie noch nie ist mir in den letzten Wochen aufgefallen, was für starke Emotionen - auch bei mir - politische Aussagen anderer hervorrufen können. Tatsächlich kümmert man sich im Leben ja meist erst dann um wichtige Dinge, wenn sie einen wirklich, wirklich betreffen. Getroffen von der Wucht und schier aus meiner geliebten städtisch, yogischen Berliner Blase gerissen wurde ich diesen Sommer bei meiner jährlichen Familienreise in den Süden. Trotz einer politisch und emotional tief verwurzelten grünen Sozialisation, treffe auch ich im Süden des Landes liebe Freunde und Verwandte, die meine Meinung nicht teilen - was ich komischerweise komplett vergessen hatte. Die politischen Knaller in Form von Gesprächen haben erst bei der Rückreise langsam ein paar Steine ins rollen gebracht. Mehr als die Inhalt, bewegen mich der Ton und die Art und Weise wie gesprochen wurde. Deshalb frage ich mich, wie es gehen kann, in Situationen in denen man sich angegriffen, verletzt und wütend fühlt, trotzdem achtsame und liebevolle antworten zu können.

Geht es um die Sache oder ums Gewinnen


Gern möchte ich ein paar Fragen teilen, die ich mir gestellt habe. Wie soll denn ein Land erfolgreich sein, in dem es nicht im das beste für die Menschen, die in diesem Land leben geht, sondern darum, wessen Partei besser dasteht? Um was geht es denn hier eigentlich? Geht es mir wirklich um die Sache oder will ich einfach nur gewinnen und beweisen, dass die anderen falsch liegen? Parteien bestehen aus Menschen und Menschen machen Fehler. Ich verzeihe Fehler, wenn ich weiss, dass Werte, die mir wichtig sind, vertreten werden. Mir ist vor allem Menschlichkeit wichtig. Daran appelliere ich immer wieder und ärgere mich, wenn andere Menschen andere Werte vertreten, die meine Werte gefährden. Aber sehe ich wirklich immer alles klar oder bin ich doch oft so sehr im Erreichen und Durchsetzen meiner Vorstellungen gefangen, dass ich die Anderen nicht höre? Die Anderen, wer ist das eigentlich? Mir ist es nicht wichtig, dass alle meiner Meinung sind. Wichtig ist, dass wir alle vernünftig und wertschätzend miteinander reden können. Ich weiß, dass es besser ist jeder Art von Radikalität und binärem Schwarz-Weiß-Denken mit großer Skepsis zu begegnen. Bin ich wirklich immer frei davon? Natürlich werden wir nie alle gleich sein, aber wir haben etwas gemeinsam. Wir sind alle Menschen und wir wollen alle, dass es uns, unserer Familie und unseren Freunden gut geht.


Wir können nicht ohne einander


Sogenannte primitive Prozesse im Kopf sind ständig damit beschäftigt Unterschiede zu finden. Das ist eine wichtige Fähigkeit, die uns vor Gefahren warnen soll. Allerdings ist das heutzutage nicht mehr in dem Maße nötig wie für Steinzeitmenschen, denn wir sind in den meisten Fällen in Sicherheit. Außerdem stellt sich diese früher so sinnvolle Fähigkeit heute eher als Last heraus, denn wir haben so viele Kontakte und nehmen viel zu viele Geschichten wahr, so dass wir es kaum schaffen könnten diese alle sinnvoll zu verarbeiten. Eine heutzutage viel überlebensnotwendigere Fähigkeit ist meiner Meinung nach genau das Gegenteil. Sich entspannen zu können und gerade in der Unterschiedlichkeit das Schöne und den Wert für die Gesellschaft und für jeden einzelnen erkennen. Wir können nicht ohne einander. Mit zu zu viel Bekämpfen der Unterschiede vergeuden wir sinnlos Energie. Gerade in einer Demokratie ist es wichtig die unterschiedlichen Stimmen zu hören und von ihnen zu lernen. Gedanklich ist also beim ersten Gefühl von Abwehr gegen das vermeintlich Fremde erst einmal ein U-Turn zu machen. Ein gedankliches Offenbleiben oder vielleicht auch das Anschmeißen eines neugierigen Forschergeist für das Andere.


Eine unglaublich tolle Übung, die uns den gedanklichen U-Turn immer eleganter machen lässt so, dass wir ihn irgendwann gar nicht mehr brauchen, habe ich bei der Autorin Elizabeth Lesser gefunden. Es geht bei der Übung darum, dass wir mit jemanden von der anderen Seite Essen gehen und während des Gesprächs jeweils eine offene und neugierige Haltung bewahren. Wichtig ist, dass beide Seiten sich auf die folgenden Regeln einigen und sich auch daran halten.


Regeln

Folgendes ist nicht erlaubt:

  • voreilige Annahmen machen, Überreden, Verteidigen, Unterbrechen.

  • Voreilige Schlüsse ziehen und unbelegte Theorien aufstellen.

  • Pauschale Aussagen wie “ihr tut/sagt immer…” oder “wir tun das nie…”

Bleibe neugierig, bleibe im Gespräch, bleibe offen und authentisch.

Zuhören, zuhören, zuhören.

Wenn es einem Punkt gibt zu dem die Meinungen völlig auseinander gehen, dann sage einfach: "Ich höre dich...", und lass es dabei bewenden.


Wen solltest du einladen

Jede oder jeden, über die oder den du eine schlechte Meinung hast weil ihre or seine Meinung von deiner abweicht, du die Person allerdings kaum kennst.

Wen du nicht einladen solltest

Extremisten, sehr gewaltbereite Menschen oder jemand der nicht im geringsten bereit ist aufgeschlossen zu diskutieren. Wenn du jemand zu einem derartigen Austausch überreden musst, dann ist es wahrscheinlich nicht die richtige Person.

Wie du einladen solltest

Sende eine ehrliche und transparente Einladung und erkläre, dass du die andere Person besser kennenlernen möchtest. Frage ob das Interesse beidseitig besteht. Erkläre, dass es nicht darum geht den anderen zu überzeugen, zu dominieren oder sich zu belehren. Folgende Sätze können sehr einladend sein: “Ich weiß bereits, was ich denke. Nun würde ich gerne verstehen, wie du über das Thema denkst”, “mir ist es wichtig die unterschiedlichen Facetten zu verstehen. Auch das Zitat des Dichters Rumi ist sehr einladend: “Jenseits der Vorstellung von Falsch und Richtig liegt ein Ort - lass und dort treffen”. Lasse den anderen den Ort für das Treffen vorschlagen.

Mit diesen Fragen kannst du das Eis brechen:

  • Was sind deine Befürchtungen und Hoffnungen für dich selbst, deine Kinder, deine Familie, dein Unternehmen, dein Land?

  • Erzähle mir etwas über deine Lebenserfahrungen - deine Kindheit, Arbeit, deine Probleme, deine Krisen und Träume - damit ich deine Ansichten besser verstehen kann. Stelle mir einige Fragen, die du schon immer jemandem von der "anderen Seite" stellen wolltest.

  • Wenn das Treffen gut verläuft, kannst du mit diesem Satz enden: Was kann jeder von uns in seinem Freundes- und Familienkreis tun, um diese Art des Austausches, Zuhörens und gegenseitigen Respekts zu fördern?

Wie du deinen Erfolg messen kannst:

Unterschiede zwischen Menschen verschwinden nicht bei einem Treffen, allerdings ist das der Anfang. Ihr könnt verabreden diese Art des respektvollen Austausch zu wiederholen.


So merkst du, ob du selber Fortschritte machst:

  • Es wird immer unwichtiger für dich, die Meinung einer Person zu verändern. Stattdessen ist es dir wichtig Gedanken-Diversität, unterschiedliche Philosophien und Überzeugungen zu respektieren.

  • Du findest dich weniger in vorschnellen Annahmen und uninformiertem Gerede wieder, das Zwietracht stiftet.

  • Deine Fähigkeit, Kontakte herzustellen, Kompromisse zu finden und mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenzuarbeiten nimmt zu.

  • Du bist mehr daran interessiert, den Weg der Toleranz, der Liebe und der Gerechtigkeit in deinem eigenen Umfeld zu stiften, als wertende Aussagen über andere Menschen zu machen. Diesen Weg zu gehen wird zu einer erfüllten und aufregenden Lebensweise.

Ich habe hier Elizabeth Lessers: “Mit «dem Anderen» essen gehen” übersetzt. Das Original stammt aus dem großartigen Buch “Cassandra Speaks”. Nachhören kann man das Ganze auch in englischer Sprache einen Ted Talk.


Hinweis: Nur wenn wir uns sicher fühlen, können wir wie oben beschrieben unseren Blick verändern und Neuem offen begegnen. Wenn Menschen traumatisiert sind, was wir fast alle irgendwie sind, dann kann es sein, dass das nicht möglich ist. Für die betroffenen ist es schlichtweg nicht sicher und es ist ihnen nicht möglich diese Art von Empathie aufzubringen.


Fragen, die du dir Stellen kannst?

  • Vor was habe ich am meisten Angst? Kann ich meinen Blick darauf komplett ändern?

  • Wo kann ich mich selber noch mehr annehmen so wie ich bin?

  • Wer bist du, wenn du niemand sein musst?